Der Fluss der Zeit -
Eine kurze Kirchengeschichte Rodheims

1200 Jahre Rodheim - das sind zugleich 1200 Jahre Rodheimer Kirchengeschichte. Die Kirche war von Anfang an mit dabei und sie ist es heute noch.

Wie hat sich eigentlich das kirchliche Leben in dieser langen Zeit geändert? Wohin könnte die Entwicklung in Zukunft gehen?

Die Geschichte der Rodheimer Kirche können wir uns wie einen Flusslauf vorstellen. War die Kirche damals ein einziger breiter Strom von dem jeder sein Wasser holte und holen musste, so ist sie heute ein Wasserlauf, der zumindest zwei große Flussarme bildet und von dem weg und zu dem hin viele andere Bäche und Wasserläufe gehen. Und das Wasser dieses aufgefächerten Stromes ist nicht überall das gleiche.

800 Jahre waren „nur“ vergangen - von der Quelle Jesus von Nazareth bis zum Ende des ersten Jahrtausends. Da begann die uns greifbare Rodheimer Geschichte mit einer Urkunde des Lorscher Kodex... und damit steigen wir in den Fluss der Kirchengeschichte hier vor Ort.

Möglicherweise ist um das Jahr 900 n.Chr. ein erster kleiner Kirchbau geweiht worden und das kirchliche Leben in Rodheim war damit über vierhundert Jahre lang mit dem Kloster Fulda verbunden. Im 14. Jahrhundert ist die Pfarrei Rodheim dann den Herren von Eppstein/Königstein und den Grafen von Hanau zugekommen. Zu dieser Zeit hatte es schon zwei weitere erweiternde Kirchenbauten gegeben. Alle an der Stelle, wo heute noch der große alte Kirchturm steht. Dabei hatte der für unsere heutigen Verhältnisse kleine Ort mit seinen Nebenorten zeitweise bis zu vier bezahlte Geistliche. Ende des 15. Jahrhunderts entstand schließlich die vierte und vermutlich schönste Kirche Rodheims, eine spätgotische Kirche mit Chor und eingerücktem Seitenschiff, die kurz nach 1483 geweiht worden ist. Dazu entstand unser heutiger großer Turm, der damals allerdings noch ein spitzes, gotisches Dach hatte.

Kaum 50 Jahre später nahm der Rodheimer Kirchen-Fluss eine epochale Kehre: die zur Reformation. Und es ist wichtig zu wissen, dass Rodheim damals zunächst nach den Vorstellungen Martin Luthers evangelisch wurde. Das geschah um 1540 unter der Herrschaft des Grafen Ludwig von Stolberg-Königstein; persönliche Überzeugungen der Bewohner Rodheims dürften damals wenig gewogen haben! Der damalige Rodheimer Priester Peter Rossbach wurde evangelisch und heiratete seine Lebensgefährtin, die „Pfäffin“ genannt wurde. Im kirchlichen Leben aber blieb trotz der Reformation wohl vieles beim Alten.

Der Flusslauf der Kirche wurde aber schon wenige Jahrzehnte später erneut verändert: Unter dem Hanau-Münzenbergischen Grafen Philipp Ludwig dem II. wurden aus den lutherischen Protestanten in Rodheim ab 1596 plötzlich Protestanten, die einer anderen evangelischen Lehre folgten, nämlich der, wie sie sich am Oberrhein und in der Schweiz herausgebildet hatte. Diese zweite Art nannte man damals wie heute: „reformiert“ im Gegensatz zu „lutherisch“. Der Altar wurde nun zum Tisch, das Abendmahl galt eher im symbolischen als im unmittelbaren Sinn als heilig und wurde weniger „zelebriert“. Außerdem wurden die Kirchen von Bildern und Figuren „gereinigt“.

Dieser Wechsel von lutherisch zu reformiert fiel den Rodheimer Christen sehr schwer. Nur acht Personen gingen zunächst zur neuen Form des reformierten Abendmahls, aber was anfangs neu und ungewohnt war, wurde schließlich für zwei Jahrhunderte ortsbestimmend: Rodheim blieb evangelisch und zwar auf reformierte Art.

Doch es kamen im 17. Jahrhundert lutherisch geprägte Protestanten in das Dorf. Sie hatte der 30 jährige Krieg hierher gebracht und sie stellten schließlich ein Drittel der Bevölkerung. Damit kam ein neuer, kleinerer Fluss zum großen hinzu ohne sich mit ihm zu vereinigen. Die lutherischen Christen konnten um 1676 ihre erste kleine Kirche am oberen Ende der Hauptstraße

 

 

einweihen und von 1732 bis 1735 entstand mit Unterstützung des hanauischen Landesherren Johann Reinhard die 1738 eingeweihte lutherische Kirche, wie wir sie im wesentlichen heute noch kennen. Im Volksmund wird sie vielfach heute noch „neue kleine Kirche“ genannt. Die beiden Ströme der Protestanten in Rodheim  vertrugen sich nicht gut und man tat alles um ihre Wasser auseinander zu halten. Dann aber kam die Zeit der Befreiungskriege von Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Und das nunmehr „geeinte“ Deutschland wirkte sich auch auf das Nebeneinander von reformierten und lutherischen Protestanten aus. Es war die Zeit des Zusammenwachsens und 1819 war aus einer spontanen Unterschriftensammlung des Landwehrmannes Georg Emerich zur Vereinigung der evangelischen Kirchen am Ort tatsächlich der Zusammenschluss der beiden evangelischen Rodheimer Gemeinden geworden! Fortan flossen beide evangelische Flussarme wieder in einem Bett, jedoch mit zwei Kirchen, die je nach Anlass genutzt wurden. Die alte Kirche um den hohen Kirchturm wurde schließlich abgerissen und es wurde eine neue, sehr große Kirche gebaut, um mehr Platz für die geeinte Gemeinde zu schaffen. 1853 wurde der Neubau eingeweiht.

Doch aus dem einen Strom der Kirche wurden langsam wieder zwei, denn es wanderten katholische Christen zu, die allerdings in Burgholzhausen Gottesdienste feierten. Und da war die viel ältere jüdische Gemeinde, die freilich ihr eigenes Wasser führte. 1901 brannte dann die ehemals lutherische kleine Kirche ab und wurde rasch darauf wieder aufgebaut. Warum – das ist eigentlich eine Frage wert, denn es gab ja die große Kirche. Doch 50 Jahre später ist dann die große Kirche am Ende. Weil sie baufällig geworden war, wurde sie 1956 nach nur 100 Jahren Bestand abgerissen und seither steht ihr Kirchturm ohne Kirche. Ein einsamer Mahner einer vergangenen Zeit. Aber als zweite Rodheimer Kirche gibt es jetzt ja die katholische Kirche, die seit 50 Jahren am Ort ist.

Schwer wiegt der Verlust der jüdischen Gemeinde Rodheims in der Hitlerzeit. Sie war kein Seitenarm unseres Kirchenflusses, sondern ein Strom, von dem wir Christen bis heute leben. Gemeinsam am 9. November jeden Jahres betrauern wir ökumenisch, dass diese jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen - auch unter den Augen der Kirchen - vertrieben, verschleppt und ermordet wurden. Dieses Verbrechen wiegt weit mehr als der Verlust jeder baulicher Substanz.

Die evangelische Kirche nach dem zweiten Weltkrieg ist nicht mehr das was sie einmal war. Die Kirche ist allgemein weit weniger mit dem Staat verflochten als vor dem zweiten Weltkrieg und deshalb nicht mehr so staatstragend-konservativ. In Rodheim ist die Dorfgemeinschaft heute längst nicht mehr einheitlich evangelisch. Rein zahlenmäßig war die evangelische Gemeinde mit über 2000 Mitgliedern zwar nie so groß wie heute, doch ist sie relativ gesehen nur noch halb so stark wie früher. Denn fast 1000 Bürgerinnen und Bürger der rund 4300 Rodheimer sind katholischen Glaubens. Und von den übrigen mehr als 1000 Menschen dürften die meisten entweder Muslime sein oder sie gehören gar keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft mehr an. Damit verbindet die evangelische Kirche nicht mehr alles und jeden. Sie hat an bürgerlichem Prestige verloren: man muss ihr nicht mehr angehören, um etwas zu gelten. Kirchenchristen und -christinnen wissen dafür heute oft genauer, warum sie in ihr zu Hause sind und was sie von ihr erwarten. Manche Menschen vergleichen die Kirche deshalb mit einem Verein. Aber auch wenn vieles in ihr formale Ähnlichkeit mit dem Vereinsleben hat, ihren Ursprung hat die Kirche im Aufruf Jesus Christi an jeden Menschen gemeinschaftlich zu leben und ihr Ziel hat sie in der Verkündigung der frohen Botschaft von der Erlösung durch Gott und einem befreiten Leben. Damit liegt der Grund ihres Daseins außerhalb ihrer selbst und ihr Auftrag geht über ihre „Mitgliederpflege“ weit hinaus.

Gemeinsam mit den Vereinen und der Kommune und allen Bürgern und Bürgerinnen guten Willens versucht die Kirche auf ihre Art die Menschen zusammenzuführen, damit sie miteinander und nicht neben- oder gar gegeneinander leben.

Bei allem was uns dabei begegnet, gilt das eine: Die Erde samt Rodheim sind des Herrn! Heute wie vor 1200 Jahren.

 

Hinweis:
Wer sich für all das nun stärker interessiert, der lese die Aufsätze von Fritz Dahmen und Dieter Wolf u.a. in „Die alte Kirche in Rodheim v.d.H.“, die Festschrift der Evang. Kirchengemeinde „100 Jahre Neue Kleine Kirche“, Stephan Roschers Buch „Ober-Rosbach, Nieder-Rosbach und Rodheim v.d. Höhe 1933-45. “ oder die 4 Bände der Rodheimer Hefte des Geschichts- und Heimatvereines. Aus diesen Quellen habe auch ich geschöpft.

Alexander Liermann, Ev. Pfarrer